Erntedankfest - Dankbarkeit als Lebensstil

(Predigt vom 15.10.2007)

Einleitung

Heute feiern wir das Erntedankfest. Alle Jahre wieder - könnte man hier anmerken.

Am besten kann ich mich an die Erntedankfeste erinnern, bei denen wir Sonntagsschulkinder ganz erstaunt den Raum betreten haben, weil wir den riesigen und für uns Pimpfe fast schon gigantischen Erntedanktisch wahrgenommen haben. Mit dem vielen Obst, Gemüse, Kartoffeln und sonstigen Leckereien.

Ja, so war Erntedank damals. Doch was bedeutet es für mich heute?

  • Das Erntedankfest ist ein Zeichen gegen die Gedankenlosigkeit, mit der wir postmodernen oder modernen Mensch in die vollen Regale der Supermärkte greifen in der Meinung, das alles sei selbstverständlich.
  • Für uns sollte es nicht selbstverständlich sein, dass wir jeden Tag mehr als genug zu Essen und zu Trinken haben, dass wir immer genug Kleidung und Geld besitzen. Doch irgendwie haben wir uns daran gewöhnt. Obwohl insbesondere wir Christen versuche der Gleichgültigkeit entgegenzuwirken.
  • Ich sehe, daß es uns gut geht, und daß es gleichzeitig vielen anderen Menschen auf der Welt schlecht geht. Sie leiden Hunger und Durst. Auch diese krassen Gegensätze nochmal wahrzunehmen bedeutet für mich Erntedank.
  • Schließlich ist Erntedankfest auch irgendwie ein Happening (neudeutsch = fröhliche Feier). Man trifft sich als Gemeinde, isst Kuchen, trinkt Kaffee, unterhält sich und dankt gemeinsam Gott. Soweit meine persönliche Sicht zum Erntedankfest.

Doch was finden wir zu diesem Thema in der Bibel? Im Wort des lebendigen Gottes.

Ich habe für heute morgen mal keinen üblichen Erntedanktext ausgewählt. Ich habe einen eher exotischen Text aus 1.Tim. 4,1-5 als Predigtext auserkoren.

  1. Nun sagt uns der Heilige Geist ausdrücklich, dass manche sich am Ende der Zeit von dem abwenden werden, was wir glauben; sie werden auf Lügen hören und Lehren folgen, die von Dämonen stammen.
  2. Diese Lehrer sind Heuchler und Lügner, aber ihre Gewissen sind tot.
  3. Sie werden behaupten, es sei falsch, zu heiraten, und falsch, bestimmte Dinge zu essen. Doch Gott hat diese Speisen geschaffen, damit wir sie dankbar essen; denn wir sind Menschen, die die Wahrheit kennen und an sie glauben.
  4. Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird;
  5. denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.
Hauptteil

Wir werden uns nun gemeinsam ein wenig mit diesem Text auseinandersetzten. Ich habe schon ein wenig für euch/ SIE vorgedacht und ihr/sie dürft dann noch mit mir gemeinsam nachdenken.

Paulus, der Autor diese Textes, und Timotheus haben (1.Tim 1,3) gemeinsam in der Stadt Ephesus gewirkt. Paulus reist weiter und lässt Timotheus zurück um die Gemeindeverhältnisse zu ordnen. Und das scheint auch nötig zu sein. Denn in der Gemeinde in Ephesus haben sich für viele Gemeindemitglieder irritierende und seltsam anmutende Lehren und Gedanken breit gemacht.

Konkret äußerte sich das so: Manche Christen, begannen, in der Zurückgezogenheit ein asketisches Leben zu führen. Deshalb verboten sie den Genuss bestimmter Speisen. Konkret wird es bei diesem Nahrungsverbot wahrscheinlich um das Essen von Fleisch und möglicherweise um den Verzicht von Wein gegangen sein (1.Tim. 5,23).

Außerdem lehnten sie das Heiraten ab. Wer auf das Heiraten verzichtet, der steigt in der Sprossenleiter der Selbsterlösung nach oben.

Sie fürchteten, in der so negativ erlebten Umwelt, Gott zu verlieren. Durch eigene Anstrengung wollten sie sich ihre Geistlichkeit erarbeiten. So sahen sie in dieser besonderen asketischen Lebensform eine Möglichkeit, Gott näher zu kommen. Sie strebten einen Glauben der Extraklasse an.

Diesem Weltentsagungsgeist tritt Paulus, massiv entgegen. Gegen diese seltsame asketische Anschauung des Ehe und Essverbotes setzt er ein schlagkräftiges Argument, indem er einen lebens- und weltbejahenden Satz in den Mittelpunkt stellt.

Er sagt: Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut.

Damit beruft sich der Apostel auf den Schöpfungsbericht. Denn am Ende eines jeden Schöpfungstages steht `und Gott sah, dass es gut war´. Und am Ende der gesamten Schöpfung steht sogar `siehe, es war sehr gut´.

`Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut...´

Wenn wir diesen Satz hören, dann kommen in mir spontan zwei ganz unterschiedliche Gefühle auf. Zum einen möchte ich diesen Satz innerlich bejahen und abnicken.

Zum anderen ruft der auch meinen Widerspruchsgeist hervor. Denn ich fragen mich, ob ich das so ohne weiteres angesichts der Nöte und Probleme unserer Zeit, wo immer noch viel zu viele Menschen unter Hunger und Elend leiden unterschreiben kann?

Kann ich das so ganz uneingeschränkt sagen? Ich denke da spontan an die vielen psychisch gestörten, depressiven Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen. Die vielen tumorerkrankten Menschen. Wirtschaftsstreben und Machtwahn bedrohen die Schöpfung. Ich denke an die Fleischskandale und die Angst vor Terror welche die Schlagzeilen der Zeitungen füllen. Das Geschehen in dieser Welt, mit dem wir täglich konfrontiert werden, lässt mich gerne zu einer anderen, zumindest etwas zurückhaltenderen Erkenntnis kommen. Die Welt ist verdorben, der Mensch ist schlecht. Kriege, Hunger, Terror bedrohen den Menschen. Die Leiden schreien zum Himmel.

Und daneben steht nun: "Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut." - Wie kommt der Verfasser zu einer solchen Aussage?

Ist er ein Fantast? War er ein Träumer? Ein unverbesserlicher Optimist? Gewiss war seine Welt vor über 2 Jahrtausenden anders als die unsrige heute. Aber viel besser wird es auch da nicht gewesen sein, weil Leid und Krankheit und Tod und Kriege und Not damals wie heute die Welt begleitet haben. Warum also hält er fest an dieser alten Glaubensaussage: Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut?

An erster Stelle steht für Paulus - und auch für mich- der feste Glaube: diese Welt ist Gottes Welt. Und weil Gott hinter ihr steht, muss sie gut sein, denn Gott ist gut. Und in dieser Welt werden nach Gottes Willen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Diese Welt, so wie sie aus Gottes Hand entstanden ist, ist gut. Und weil sie gut ist, hat sie eine Zukunft, hat sie ein Recht von uns als solche wahrgenommen zu werden. Wir sollen nicht der Welt entfliehen, in der Welt eine bessere Welt suchen, in den Nischen, die diese Welt bietet. Nein, diese Welt ist Gottes Welt, in dieser Welt können und dürfen wir leben von der Güte Gottes. Alles, und insbesondere alles Essbare hat Gott für die Gläubigen geschaffen, damit wir sie im Dank[gebet] empfangen.

Damit sind wir wieder zurück bei der Antwort des Paulus auf die Lebensverneinende Lebensweise der Nahrungsmittelasketiker. Das Dank bzw. Tischgebet greift Paulus in den Versen 4+5 auf.

`4 Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird;

5 denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.´

Das Tischgebet war eine jüdische Tradition. Die Segnung der Mahlzeit vor dem gemeinsamen Essen gehörte ganz natürlich dazu. Es war deshalb regelmäßiger Bestandteil der Mahlzeit, weil es so was wie eine Antwort auf das Handeln Gottes, auf das bereit stellen von Nahrung, war.

Diese Tradition des jüdischen Tischgebetes wurde vom Christentum übernommen. Viele von uns beten vor den Mahlzeiten. Ob wohl es hier und da, zumindest bei uns im Siegerland, Unsicherheiten gibt, ob man jetzt auch vor dem Kaffeetrinken betet oder nicht. Aber dieses Problem wird wohl erst in der Ewigkeit von Gott selbst gelöst werden.

Zumindest bei Frühstück, Mittag- und Abendessen ist es eine gute Tradition zu beten. Doch leider, wie das mit vielen Traditionen so ist, hat sich das Tischgebet in manchen Familien vom ursprünglichen Gedanken weg bewegt. Denn wie läuft denn heute so ein Tischgebet ab. Meist sagt der Vater oder die Mutter: `Wir wollen noch kurz beten.´

Sind die Kinder kleiner ist im dann folgenden Gebet von Tierlein die Rede die genug zu essen bekommen und von Blümlein die genug zu Trinken haben.

Sind die Kinder größer wandelt sich das Gebet.

Alle guten Gaben,
alles, was wir haben,
kommt, o Gott, von dir,
Dank sei Dir dafür.

Das klassischste Tischgebet ist folgendes:

`Komm Herr Jesus sein du unser Gast und segne uns was du uns bescheret hast. Amen.´

Manchmal könnte man den Eindruck bekommen, dass hier das Motto gilt: wer am schnellsten spricht gewinnt.

Aber sie können noch so schnell beten. Mein Vater hat das Tischgebet schon im Alter von 3 Jahren perfektioniert. Das sah ungefähr so aus. Er, seine Eltern und seine Schwester sitzen vor der dampfenden Suppe. Der kleine Herr war jedoch ungeduldig. Also spricht er die Worte: `Beten. Amen. Nuppe essen.´ Und er lies es sich dann schmecken. Damit war für ihn dem Ganzen genüge getan.

Doch nur um einer Tradition genüge zu tun, darum sollte es uns beim Tischgebet nicht gehen. Uns Christen kommt meiner Ansicht nach eine wichtigere Aufgabe zu, wie nur die Aufrechterhaltung einer frommen Tischordnung.

Gott lässt ja seine Sonne über guten und schlechten Menschen scheinen. Das heißt Gott hat die guten Dinge der Schöpfung für alle Menschen geschaffen.

Gott lässt es auch auf den Feldern und Äckern von Christen und Atheisten wachsen und gedeien. Das sind Gottes werbende Angebote um auch Nichtglaubenden deutlich zu machen, dass es einen Schöpfer gibt. Doch leider nehmen das die meisten nicht wahr.

Aber wir, die wir glauben, die wir Gott als Schöpfer wahr und ernst nehmen, wir wissen wem wir es zu verdanken haben, dass wir eine gute Ernte und ein erfolgreiches Jahr hatten. Woher all das Gute, Schöne und Angenehme in unserem Leben kommt.

Darum ist es gut, dass wir am Erntedankfest etwas von den Früchten und Blumen der Felder und Gärten hier in das Gemeinschaftshaus gebracht haben. Damit wollen wir doch unsere Dankbarkeit zum Ausdruck bringen.

Alles was wir haben, haben wir aus Gottes Hand, aus Gottes guter Schöpfung. Wie heißt es in dem Lied: wir pflügen und wir streuen: es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.

Wir Christen wissen, von wem es kommt, dass wir eine Arbeitsstellen haben und ein finanziell mehr oder weniger sorgloses Leben führen können. Weil wir dieses Wissen haben, haben wir die Pflicht Gott, dem Schöpfer dafür zu danken. Denn wenn wir Christen diese Pflicht des Dankes nicht nachkommen, wer dann? Die Atheisten tun es auf keinem Fall. Denn die gehen davon aus, dass es Gott nicht gibt.

Deshalb haben wir, als Glaubende die Fähigkeit und auch die Aufgabe, dem Schöpfer, Dank zu erstatten. Gott den Dank zu geben, den ihm eigentlich alle Menschen schulden.

Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens.

Irgenwo habe ich diesen Satz einmal gelesen, und er hat mich nachdenklich gemacht. Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens.

Danken kommt von Denken, so sagt das Herkunftswörterbuch. Danken, das ist in Ge-danken halten, gerade auch mit dem Herzen.

Was mich persönlich betrifft, so weiß ich nicht, wann ich ein bewusst dankender Mensch wurde. Aber ich merke, wie ich im Laufe der Jahre vieles sehr viel mehr zu schätzen lerne, genieße und dankbar dafür bin. Die Eindrücke einer zurückliegenden Reise, die Schönheit der Landschaft beim morgendlichen Joggen. Ein gemeinsames Abendessen mit meiner Frau. Die langjährige Vertrautheit mit alten Freunden. Das Gelingen in meiner Arbeit.

Das Danken kann - und vielleicht muss- zu einer Lebenshaltung, einem Lebensstil werden und zu einer grundlegenden Wesensäußerung unseres Glaubens.

Alles, was ich staunend und dankbar empfange, darf ich genießen, darüber darf ich mich freuen und darin erkenne ich auch, dass ich beschenkt bin, auch dann wenn andere mehr haben, wenn es mir nicht so gut geht, wie anderen Menschen.

Ich darf mich freuen an meinem Lebenspartner, an den gemeinsamen Zeiten miteinander, an den Kindern und Enkelkindern, an den Menschen, Klassenkameraden und Freunden, die Gott mir sonst an die Seite gestellt hat. Ich darf mich freuen an dem, was meine Arbeit hervorbringt, und sei es noch so wenig. Ich darf mich freuen an dem, was meinen Weg an guten Erinnerungen vergangener Tage begleitet, an den Fotos aus Urlaubstagen, über die Gemeinschaft mit inzwischen lieben Verstorbenen.

All dies dürfen wir als gute Gabe Gottes ansehen und verstehen, die unsere Welt reich und schön macht.

Alles was ich habe, habe ich von einem anderen, so wie es Paulus zum Ausdruck bringt, wenn er sagt:

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.(1.Tim 4,4f)

Dankbarkeit, die Erinnerung des Herzens.

Das tägliche Tischgebet bekommt dadurch, so meine ich, eine ganz anderer Dimension. Das Tischgebet wir dadurch aufgewertet.

Das Tischgebet ist mehr als nur ein Sich-bewusst-Machen, dass unsere Nahrung von Gott kommt. Die Nahrung wird, so verstehe ich Paulus in diesen Versen - wenn er sich bewußt auf die jüdische Tradition bezieht, unter den Segen Gottes gestellt. Gott segnet uns, in der und durch die Mahlzeit.

Vielleicht wäre es gut sich bewusst noch mal ein neues Tischgebet zu überlegen und das `Alte´ - oftmals gedankenlos gesprochene- bewusst in die Ecke zu stellen und durch ein Neues zu ersetzen.

Werden sie dabei ruhig kreativ. Denn Gott liebt es, wenn wir uns darüber Gedanken machen wie wir ihm Danken können.

Vor ca. 15 Jahren oder so, saßen wir mit ein paar Leuten im MC Donalds. Alles Christen. Jeder ein Maxi-Menü vor sich. Unter diesem erlauchten Kreis auch Fossi. Der hob die Hände und sagte halblaut: `Praise the Lord´ und damit hatte er sein Tischgebet gesprochen. Ob ein solches Tischgebet nun jedermanns Sache ist bleibt mal dahin gestellt. Meine Art ist es nicht. Aber ich möchte damit auch nur deutlich machen, dass wir uns auch gerne von alt hergebrachten Formen lösen können. Es geht darum dem Schöpfer für seine Gaben zu danken. Wie wir das machen ist egal.

Für alle, die sich mit einer kreativen Formulierung eines Tischgebetes schwer tun habe ich mal auf einem Zettel einige Tischgebete aufgeschrieben. Die können so übernommen werden oder einfach nur als Anregung für das eigene Tischgebet dienen.

Ich hoffe, dass an ihrem Esstisch eine Revolution des Tischgebets stattfindet. Ich hoffe, dass Dankbarkeit zu unserem Lebensstil dazu gehört. Denn Dankbarkeit war ein fester Bestandteil des Lebensstil von Jesus.

`Dann wies Jesus die Leute an, sich ins Gras zu setzen. Und er nahm die fünf Brote und zwei Fische, blickte hinauf zum Himmel und dankte Gott für das Essen und brach´s. ´

AMEN